Kürzlich vertrat ein Klient in einer Paarberatung die Sichtweise, wie wichtig seine Wut für ihn sei, um sich gut gegenüber seiner Partnerin abzugrenzen. Insbesondere wenn diese sich übergriffig an den Stellen in sein Leben einmische, wo er dies nicht möchte. Seine Therapeutin habe ihn darin bestärkt, die Wut, wenn sie käme, auch zum Ausdruck zu bringen. Vor allem war diese Rückmeldung der Therapeutin wertvoll für ihn, weil er zunächst verunsichert war häufiger wütend zu sein, so kannte er sich gar nicht.
So weit, so nachvollziehbar. Auch ich habe diese Sichtweise über Wut gelernt und lange vertreten. Mittlerweile sehe ich es differenzierter:
Ja. Wut kann ein Anzeigergefühl für Grenzverletzungen sein. Wir sind auch archaische biologische Lebewesen, bei denen Angriff und Aggression aktiviert werden, wenn jemand in unser Revier eindringt.
Wut kann aber auch dann aktiviert werden, wenn wir Erwartungen haben und uns sehr wichtig nehmen, sprich: die Haltung haben, es stehe uns zu, dass unsere Erwartungen erfüllt werden, Und wenn nicht, berechtigt uns das, die Person, die unseren Erwartungen zuwider handelt, ins Unrecht zu setzen und dafür wütend anzugehen.
Damit sind wir in der einen Differenzierung von Wut. Aus meiner Sicht ist die zweite Variante als fragwürdig einzustufen.
Die andere Differenzierung bezieht sich auf die erste Beschreibung: die archaische Aggression und der Angriff bewirken nicht, dass das Gegenüber unsere Grenzen respektiert. Sie bewirken „bestenfalls“, dass unser Gegenüber eingeschüchtert wird und Angst vor uns hat. Eventuell in Folge dessen unsere Grenze auch beachtet, jedoch nicht aus Respekt, sondern aus Angst. (manche möchten natürlich genau das )
Auch wenn wir tatsächlich archaische und biologische Lebewesen sind, sind wir auch Menschen. Und etwas, was uns Menschen besonders auszeichnet, ist die Fähigkeit, unser Verhalten zu steuern.
Wenn wir also Respekt für unsere Grenzen möchten, ist es sinnvoll, diese Grenzen sehr deutlich und klar zu formulieren.
Jedoch erst, wenn unsere Wut verraucht ist. Denn wenn sich unser Gegenüber in Angst vor uns befindet ( oder ebenfalls im Kampfmodus, weil sie oder er Anspruch auf unser Revier erhebt ), ist die Person weit von Respekt und damit dem Respektieren unserer Grenze entfernt.
Natürlich kann es passieren, dass unser Gegenüber dennoch unsere Grenze nicht respektiert ( das passiert aber ebenso häufig, wenn wir sie durch Wut zu vertreten versucht haben ), aber das ist ein anderes Thema. Dann geht es eher um die Frage: was ist los mit dir, dass du, obwohl du um meine Grenze weißt, diese ignorierst?